Seit mein­er Geburt lebte ich bei meinen Eltern. Durch meine Selb­st­ständigkeit und das grosse Film­stu­dio, das ich mir über die Jahre aufge­baut und finanziert habe, war das Eltern­haus für mich nicht nur eine prak­tis­che, son­dern vor allem eine warme und liebevolle Wohn­möglichkeit. Beson­ders deshalb, weil ich meine Mut­ter über alles liebe und das Zusam­men­leben mit ihr sich nie nach Still­stand, son­dern immer nach Nähe und Ver­trautheit anfühlte – fast wie eine sehr beson­dere Wohnge­mein­schaft.

 

Ein Wun­sch begleit­ete mich jedoch seit mein­er Jugend, leise, aber beständig: ein eigen­er Hund. Ein Gefährte, ein stiller Begleit­er durch den All­t­ag und die Natur. In meinem Leben als pro­fes­sioneller Tier­filmer hätte ein Hund seinen fes­ten Platz gehabt – an mein­er Seite, draussen bei Drehar­beit­en, auf Expe­di­tio­nen, im Büro. Immer dabei. Immer ver­bun­den.

 

Doch dieser Wun­sch musste lange warten.

 

Denn meine Mut­ter, mit der ich unter einem Dach lebte, hat­te panis­che Angst vor Hun­den. Eine Angst, die nicht grund­los ent­standen war. Sie war das Ergeb­nis ein­er einzi­gen, schreck­lichen Erfahrung.

 

Dabei hat­te sie Hunde früher geliebt. Oft erzählte sie mir von einem getigerten Box­er, den sie als Kind im Urlaub betreuen durfte. Sie pflegte ihn, spielte mit ihm – und teilte sog­ar ihr Kinder­bett mit ihm. Hunde waren für sie einst etwas Ver­trautes, etwas Gutes.

 

Bis zu jen­em Tag.

 

Nach vie­len Jahren uner­füll­ten Kinder­wun­sches, bed­ingt durch gesund­heitliche Schwierigkeit­en, brachte sie mit 35 Jahren endlich ihren Sohn zur Welt. Mich. Ihr ganz­er Stolz, ihr Mit­telpunkt. Wir lebten in ein­er ruhi­gen Ein­fam­i­lien­haussied­lung, alles schien sich­er und geord­net.

 

Ein Nach­bar jedoch hielt einen Airedale Ter­ri­er, dessen Leben sich grossteils auf eine kleine Ter­rasse beschränk­te. Dort musste er sein Dasein fris­ten, dort ver­richtete er sein Geschäft, dort sah er die Welt – ver­mut­lich verz­er­rt und voller Frust.

 

Eines Mor­gens ging meine Mut­ter wie so oft zum Briefkas­ten. Ich war bei ihr und kon­nte ger­ade erst laufen. In diesem Moment hielt ein Auto an, die Tür öffnete sich – und der Airedale Ter­ri­er sprang her­aus. Er ran­nte auf meine Mut­ter zu. Instink­tiv hob sie mich hoch. Der Hund lief einige Kreise um sie, ohne zu bellen, ohne zu knur­ren. Und dann, völ­lig unver­mit­telt, biss er ihr mit voller Kraft in die Wade. Ein Stück Fleisch wurde her­aus­geris­sen, eine tiefe, klaf­fende Wunde blieb zurück.

 

Was blieb, war mehr als eine Narbe. Es war ein Trau­ma. Weil der Hund kein­er­lei Warnsignale gezeigt hat­te, war for­t­an in ihrem Inneren jed­er Hund poten­ziell gefährlich. Unberechen­bar. Bedrohlich. Sie begann Wege zu mei­den, auf denen viele Hunde unter­wegs waren, und lebte viele Jahre mit dieser Angst.

 

Aus Rück­sicht auf sie, aus Liebe und aus Ver­ständ­nis, legte ich meinen Wun­sch nach einem Hund für über zwanzig Jahre bei­seite.

 

Erst als ich schliesslich aus­zog und mein eigenes Zuhause fand, kon­nte ich mir diesen Traum erfüllen. Über den Tier­schutzvere­in Pfoten­ret­ter zog am 19. Dezem­ber Spike bei mir ein – ein fün­fjähriger Mis­chlingsrüde. San­ft, aufmerk­sam, unglaublich ver­schmust. So sehr, dass man kaum glauben kon­nte, dass dieser kleine Hund zuvor in einem kalten, ein­samen Zwinger gelebt hat­te.

 

Tief in mir wusste ich: Meine Mut­ter würde ihn lieben. Also führte ich sie langsam, behut­sam und mit viel Geduld an Spike her­an – Schritt für Schritt, ohne Druck, ohne Eile.

 

Heute, keine drei Wochen später, sind Spike und meine Mut­ter unz­ertrennlich. Durch ihn hat sie gel­ernt, wieder zu ver­trauen. Zu erken­nen, dass es nicht „die Hunde“ gibt, son­dern indi­vidu­elle Wesen – geprägt von dem, was Men­schen ihnen antun oder schenken.

 

Spike ver­bringt inzwis­chen mehrere Stun­den pro Woche bei ihr. Und jedes Mal ist es ein klein­er Kampf, ihn wieder mitzunehmen. Sie geht mit ihm spazieren, kuschelt mit ihm, spricht mit ihm – und ich erkenne meine Mut­ter kaum wieder. Ihre Angst ist nicht ver­schwun­den, aber sie ist leis­er gewor­den. Und ihre Zunei­gung gröss­er.

 

Im Grunde hat diese Adop­tion weit mehr bewirkt, als nur Spikes Leben zu ret­ten. Sie hat etwas geheilt. Etwas geöffnet. Man kön­nte fast sagen, Spike hat nicht nur ein neues Zuhause gefun­den, son­dern allen um ihn herum ein Stück Leben­squal­ität zurück­gegeben.

 

Ein Hund, der irgend­wo in Ungarn auf der Strasse gefun­den wurde – und der heute mehr bewirkt, als Worte je ganz erfassen kön­nten.